Klinische Forschung und soziale Medien

“Industry Usage of Social and Digital Media Communities in Clinical Research” ist der Titel eines “White Papers”, das jüngst vom Tufts Center for the Study of Drug Development der Universität Boston (Massachusetts) publiziert wurde.

Wachsende Bedeutung sozialer Medien im Bereich klinischer Forschung

Soziale und digitale Medien – definiert als Internetseiten und Software-Applikationen zur interaktiven Kommunikation und Verbreitung von Informationen – gewinnen dem Bericht zufolge immer mehr an Bedeutung für die Verbesserung des Verfahrens klinischer Prüfungen.

Fehlende Rahmenbedingungen

Zurzeit haben indes weder die U.S. Food and Drug Administration (FDA) noch die Euopean Medicines Agency (EMA) über die Bedingungen der Nutzung sozialer Medien im Bereich der klinischen Forschung durch entsprechende Richtlinien Klarheit geschaffen. Zwischen März und Dezember 2013 hat das Tufts Center deshalb eine Arbeitsgruppe aus 20 pharmazeutischen und biotechnologischen Unternehmen und Auftragsforschungsinstituten gebildet, um den gegenwärtigen und in Zukunft zu erwartenden Gebrauch sozialer und digitaler Medien in der klinischen Forschung zu untersuchen. Ziel war es dabei, die Annahmebereitschaft und die Bedenken bezüglich der Nutzung neuer Medien im Bereich klinischer Studien zu evaluieren und ein umfassendes Kompendium zu Handlungsprinzipien und -strategien zu entwickeln, die den Mehrwert des Einsatzes sozialer Medien im Rahmen klinischer Forschung steigern und zugleich die damit verbundenen Risiken minimieren.

Nutzung sozialer Medien in der klinischen Forschung

Soziale Medien werden von den befragten Unternehmen in erster Linie zur Verbreitung von Informationen genutzt, aber auch, um Patienten- und Expertenkonversationen über die von ihnen vermarkteten Produkte zu verfolgen. Allerdings nutzen nur wenige Firmen soziale Medien aktiv, um Probanden zu gewinnen und treten in der Regel auch nicht in direkten Kontakt mit Patienten. Überwiegend beschränkt sich die Nutzung auf die Platzierung von Werbebannern auf Social Media-Internetseiten. Eine bestimmte Strategie zum Umgang mit sozialen Medien ist bei nahezu allen Unternehmen nicht erkennbar; der Einsatz ist größtenteils fragmentarisch und unkoordiniert.

Bedenken gegenüber der Nutzung sozialer Medien in der klinischen Forschung

Die meisten in die Studie einbezogenen Unternehmen befürchten negative Berichterstattungen in sozialen Medien. Des Weiteren bestehen Bedenken insbesondere im Hinblick auf das Erreichen der Probanden-Zielgruppe, die Vereinbarkeit mit landesspezifischen rechtlichen Vorgaben, die Herstellung einer funktionierenden Koordinierung innerhalb des Unternehmens und den Schutz von Patientendaten sowie von klinischen Forschungsergebnissen.

Probandengewinnung durch soziale Medien – Blogs spielen geringste Rolle

Einige Pharmaunternehmen nutzen bereits soziale Medien zur Gewinnung von Probanden für klinische Prüfungen. Die meistgenutzte Social Media-Plattform hierfür ist Facebook, gefolgt von Patientenforen, YouTube, Twitter und Mobile Apps; die geringste Rolle spielen Blogs.

Crowdsourcing und Social Forecasting

Soziale Medien sind hilfreiche Instrumente, um im Voraus eine breite Öffentlichkeit sowie spezielle Zielgruppen über klinische Forschungsvorhaben zu informieren und gegebenenfalls auch geeignete Studienteilnehmer zu finden und um im Nachhinein klinische Prüfungen zur künftigen Verbesserung des Studiendesigns evaluieren zu lassen. Soziale Medien bieten insofern eine Möglichkeit zum Crowdsourcing, der Nutzung des Inputs einer großen, heterogenen Gruppe, mithin einer kollektiven (Schwarm-)Intelligenz.

Eingeschränkte Nutzung sozialer Medien im Bereich der Pharmakovigilanz

Die meisten Unternehmen, die an der Studie des Tufts CSDD teilnahmen, äußerten Bedenken bezüglich des Einsatzes sozialer Medien im Bereich der Pharmakovigilanz, der Überwachung der Arzneimittelsicherheit. Insbesondere werden soziale Medien mehrheitlich zumindest nicht aktiv zur Meldung unerwünschter Nebenwirkungen genutzt, etwa durch Bereitstellung eines entsprechenden Links für Patientenberichte.

Social Listening und Social Forecasting

Die Hälfte der befragten Unternehmen betreibt Social Listening. Dabei handelt es sich um Social Media Monitoring, worunter das Beobachten, Sammeln und Auswerten bestimmter Informationen in sozialer Medien verstanden wird. Vornehmlich wird damit von den Pharmaunternehmen das Ziel verfolgt, das Verhalten bestimmter Zielgruppen zu analysieren, Trends auszumachen, die Wahrnehmung von Produkten und Herstellern zu ermitteln, Marketingstrategien zu entwickeln, Nachfrage und Konkurrenz einzuschätzen und neue Ideen für die Weiterentwicklung von Produkten zu gewinnen. Insofern wird das Social Listening zum Social Forecasting eingesetzt, der Nutzbarmachung von auf Crowdsourcing beruhenden Informationen für Zukunftsstrategien. Das Social Listening sollte nach Ansicht des Tufts Center auch im Bereich klinischer Forschung eingesetzt werden, insbesondere um Informationen über die Erfahrungen von Patienten mit klinischen Prüfungen sowie deren Bedenken bezüglich der Teilnahme an solchen zu erhalten.

Die wachsende Bedeutung sozialer Medien im Gesundheitswesen weitet sich auch auf den Bereich der klinischen Forschung aus. Ein überlegter, angemessener Einsatz innerhalb rechtlicher und auch ethischer Grenzen kann sowohl für die forschenden Pharmaunternehmen als auch für die Probanden klinischer Prüfungen von Nutzen sein. Mehr Transparenz und Kommunikation kann zur Verbesserung klinischer Forschung beitragen. Social Listening ermöglicht das zeitnahe Aufspüren von Trends und Bedürfnissen auf dem Arzneimittelmarkt, Online-Feedback die unmittelbare Registrierung etwaiger Nebenwirkungen und Crowdsourcing in Verbindung mit Social Forecasting die Optimierung von Studiendesigns.

RA Dr. Martin Delhey, Berlin.

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